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Hallo!

Heute will ich mal etwas anderes schreiben, eine Rezension zu einem Theaterstück, nicht zu einem Film, einer Serie oder einem Buch. Das werde ich wohl eher selten machen, aber ab und zu dann doch mal. So eine Rezension einer Theaterinszenierung gestaltet sich auch ein wenig schwieriger als die eines Filmes, einer Serie oder eines Buches und vor allem schwieriger als ich es gedacht hätte… aber ich habe mein Bestes gegeben.

Ich muss allerdings noch kurz erwähnen, dass ich das Stück nicht im Theater selber gesehen habe, sondern die Aufnahme auf DVD – dadurch ist zwar einerseits das Theaterfeeling nicht mehr vorhanden, andererseits kann man so wohl auch die Mimik besser erkennen und überhaupt hätte ich sonst keine Möglichkeit gehabt, diese Inszenierung zu sehen.

Übrigens: Das ist keine Rezension zu dem Stück Emilia Galotti an sich, sondern nur zu der Inszenierung.

Regisseur: Michael Thalheimer; nach dem Drama von: Gotthold Ephraim Lessing; Genre des Dramas: bürgerliches Trauerspiel; Literarische Vorlage: Livius: Legende um die Römerin Virginia; Uraufführung des Dramas: 1772; Erste Aufführung dieser Inszenierung: 2001; Preise & Ehrungen für diese Inszenierung: Berliner Friedrich-Luft-Preis (2001), Wiener Nestroy-Preis (2002) und Moskauer Goldene Maske (2008)

Meine Bewertung: 8/10 Punkten

Handlung des Dramas: Die Bürgerliche Emilia Galotti soll heute den Grafen Appiani aus Liebe heiraten – doch der Prinz Hettore Gonzaga hat sich unsterblich in sie verliebt und versucht nun alles, um diese Hochzeit zu verhindern. (Für die vollständige Handlung bitte hier klicken).

Und wie so schön hinten auf der Reclam Ausgabe des Dramas draufsteht: „Versuchung und Verführbarkeit sind zentrale Motive von Lessings bürgerlichem Trauerspiel […], einem Schlüsselwerk der Aufklärung und Empfindsamkeit. Das Drama Emilias, deren Ehre durch intrigante Fürstenwillkür bedroht wird, stellt eindringlich die Frage nach der öffentlichen Rechenschaftspflicht der Herrschenden. Nicht zuletzt […] verleiht den neuen bürgerlichen Werten Autorität.“

Inszenierung:

Michael Thalheimer hat sowohl Bühnenbild und Kostüme als auch die Nutzung von Requisiten sehr karg gehalten. Die Bühne wird durch zwei Holzwände, die eine Art Gang bilden und aufklappbare Einzelteile haben, begrenzt, am Ende dieses Gangs ist ein schwarzes Tor, durch das die Schauspieler auf- und abgehen. Die Frauen tragen ungefähr knielange Kleider, die Männer Hemd, Hose und Jackett/Sakko. An Requisiten gibt es nur einen Brief und eine Pistole – die Sprache ist altmodisch, Teile der Inszenierung aber modernisiert, die Inszenierung an sich sehr abstrakt. Das Stück beginnt damit, dass die 7 Hauptcharaktere, auf die sich Thalheimer beschränkt hat, sich nacheinander verbeugen. (In der Videofassung sagt ein Sprecher zu jedem noch ein, zwei Sätze – ich bin mir nicht sicher, ob das auch in bei der Theateraufführung der Fall war).

Dann tritt Emilia auf, Feuer flammt auf, das Licht ist lila und blau, ein Funkenregen sprüht herab. Damit beginnt das Stück. Thalheimer hat den Text radikal gekürzt, auch einige Szenen weggelassen oder verkürzt oder auch ein wenig verändert, teilweise auch etwas hinzugefügt. Effekte gibt es keine weiteren mehr, die Musik ist stets die gleiche monotone – Streicher mit Rhythmus (erinnert leicht an einen Herzschlag), teilweise Melodie durch Violine/Geige.

Die Personen sprechen nicht viel, viel wird mit Gestik und Mimik gezeigt. Wenn sie sprechen setzt die Musik fast immer aus, die Schauspieler sprechen ihren Text wahnsinnig schnell, nur Emilia etwas langsamer. Wenn sie miteinander sprechen, schauen sie fast immer gerade, stur ins Publikum, ansonsten direkt gegenüber, ohne weiteren Positionswechsel/Hin-und-Her-Gelaufe. Die Schauspieler stellen oft sehr extreme Gefühle dar, die Männer reißen sich teilweise die Kleidung vom Leib. Teilweise pikst jemand dem Gegenüber in den Brustkorb.

Zwischendurch werden die einklappbaren Seitenteile der Holzwände als Türen genutzt. Das Stück endet, indem Emilie mit der Pistole nach hinten läuft, viele schwarz gekleidete Tanzpaare tanzen im Walzer über die Bühne, es wird dunkel.

Meine Meinung/Interpretation/Kritik:

Ich bin hin und weg. Während alle meine Klassenkameraden (ja, ich gebe es zu, wir haben das im Deutschunterricht geguckt) fanden es schrecklich bis bestenfalls gerade noch so in Ordnung – während ich total begeistert da saß… :D (Geht mir oft auch so, wenn wir mit der Schule ins Theater gehen – alle finden es total blöd, meckern an dem Stück nur rum, während ich es einfach viel besser finde.)

Thalheimer hat jedenfalls hier in seiner Inszenierung von Emilia Galotti das abstrakte (und moderne) Theater mit großen Gefühlen verbunden (Brecht <-> Stanislawski, …) – und das ist genau das, was ich liebe. Ich finde abstraktes, modernes Theater toll (solange es gut gemacht ist!), will aber Emotionen sehen, will Figuren und ihre Gefühle auf der Bühne sehen. Natürlich kann alles andere auch toll sein, aber wenn ich ein Stück inszenieren würde, dann würde es abstrakt, aber mit vielen Emotionen sein.

Michael Thalheimer sieht die Zeit als Grundlegendes Motiv in diesem Drama, Zeitknappheit als entscheidendes Handlungsmotiv und Zeitgewinn als entscheidendes Handlungsziel. Deshalb sprechen die Schauspieler ihren Text auch so wahnsinnig schnell (Respekt an die Schauspieler, das hinzubekommen!) – ich finde, dass passt sehr gut. Vielleicht versteht man dadurch das ein oder andere Gesagt nicht – aber wenn man das Drama nicht gelesen hat bzw. die Handlung nicht gut kennt, kann man das hier sowieso nicht verstehen, egal ob man der Text jetzt klar und deutlich gesprochen wird oder nicht. Das schnelle Sprechen hat aber nicht verhindert, dass die Schauspieler ihre Worte betont haben und sehr viel Gefühl darein gelegt haben – am Anfang vielleicht noch weniger, aber mit der Zeit hat man auf der Bühne immer mehr Emotionen gehört, gesehen und auch gespürt.

Da es Thalheimer nicht um die Gesellschaft oder ähnliches geht, sondern um das Gefühl, wird dieses auch darstellerisch in den Vordergrund gerückt. Die Schauspieler flüstern und schreien, trauern und rasten vor Wut aus, quälen sich, taumeln vor unkontrollierbaren Gefühlen, reißen sich die Kleider vom Leib aufgrund von Verzweiflung, schreien und flehen sich an, krümmen sich vor Schmerz. Besonders in Erinnerung ist mir geblieben, dass Marinelli an einer Stelle verzweifelt und diese schauspielerische Darbietung war extrem gut. Meine Mitschüler fanden das dann wieder peinlich, zu extrem,… – aber es war einfach super klasse gespielt und passend.

Die Frauen haben in seiner Inszenierung sehr viel stärkere Charaktere als die Männer, die zusammenbrechen, während sie sich beherrschen, bis sie teilweise komplett emotionslos wirken (aber auch das hat hier reingepasst). Die Personen berühren sich nur sehr selten, aber man spürt die Spannungen und Beziehungen zwischen ihnen sehr deutlich.

Thalheimer arbeitet auch mit Wiederholungen (des Textes der Charaktere) – auch abstrakt, hat auch super gepasst.

Überhaupt die ganze Inszenierung mit dem Zeitdruck, der immer gleichen, tragisch-dramatischen, bedrückenden Musik, der Wechsel von dem Emotionslosen, Abstrakten zu den extremen Gefühlen, die große Gestik und Mimik, der Gang, der das Ganze noch so sehr verdeutlicht hat (ich denke die „Türen“ in den Wänden sollten die Räume des Schlosses darstellen), die tolle Darbietung der Schauspieler (jedes und jeder Einzelnen), die ansonsten schlicht gehaltene(n) Bühne & Kostüme & Requisiten, die auch nur abgelenkt und gestört hätten – super.

Aber doch gibt es ein paar Punkte, die mich gestört haben. Erstens habe ich nicht verstanden, warum Thalheimer jetzt statt des Messers die modernisierte Pistole genommen hat, aber ansonsten – von den nicht zeitgemäß kurzen Kleidern der Damen mal abgesehen – nichts modernisiert hat. Außerdem halten sich sowohl Orsina als auch Odoardo zunächst die Pistole selbst an die Schläfe – warum habe ich nicht verstanden, vor allem weil die Frauen als so stark dargestellt werden und Orsina sich dann fast umbringt? Naja. Zweitens hätte ich vielleicht doch das Ende dem Buch etwas näher gestaltet, denn der gesamte, eigentlich tragende Aspekt, dass Emilia schließlich auch ihren eigenen Wunsch hin von ihrem Vater umgebracht wird, weil Ehre und Unschuld ihnen beiden so viel wichtiger sind als dass Emilia (als Mätresse des Prinzen) weiterlebt, wird hier komplett weggelassen. Und drittens küsst die Gräfin Orsina (ehemalige Mätresse des Prinzen) Marinelli heftig & lang, kurz darauf küsst Odoardo (Emilias Vater) Gräfin Orsina – hier habe ich leider auch nicht den Sinn dahinter verstanden.

Ich hätte ja gerne neun Punkte gegeben, weil es insgesamt so toll inszeniert und gespielt war, aber dafür waren dann doch zu viele schlechte / für mich unverständliche Dinge dabei.

Fazit: Eine tolle Inszenierung, abstrakt mit großen Gefühlen, toll gespielt, das Drama wurde super umgesetzt, es gab nur ein paar Kleinigkeiten, die mich etwas gestört haben.

So. An dieser Rezension habe ich jetzt ungefähr 1,5 Stunden geschrieben – hoffentlich liest es sich jetzt auch jemand durch. :D

Liebe Grüße

eure An :)