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Wir besprechen im Moment im Deutsch Leistungskurs Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ – insbesondere gerade seine Art zu Schreiben. Dazu haben wir am Montag eine Schreibübung gemacht: Wir haben ein Bild bekommen und hatten dann 20 Minuten Zeit, aus der Sicht einer der beiden Personen, die am weitesten links stehen, einen Text in Stil von Kafka zu schreiben. Also eher sachlich, nüchtern, detailreich, hypotaktisch, personal, im Präteritum, in der 3. Person.

Aber ich finde, das ist auch grundsätzlich eine sehr gute Methode – irgendein Bild nehmen, sich hinsetzen und in einer bestimmten Zeit einfach drauflos schreiben, eine Geschichte darum erfinden.

Wir hatten dieses Bild:

Und das hier habe ich in der Zeit dazu geschrieben (falls man es nicht lesen kann, ich habe es darunter auch noch einmal abgetippt. ;) )

B. trat durch die hölzerne Tür, die Farbe blätterte bereits ab, und sah sich in dem Gang, in den er eingetreten war, um. Direkt vor ihm saßen zwei Männer auf einer Holzbank, hinter ihnen einige Fächer, deren Beschriftung er aus diesem Abstand – der Gang war etwa drei bis vier Meter breit – nicht lesen konnte. B. wandte sich nach rechts, der nasse Boden unter ihm knarzte. Entlang des Gangs saßen auf der linken Seite vor unzähligen Fächern, identisch zu den vorigen, neben denen er stand, weitere Männer. Alle hatten Anzüge an, erschienen ihm ansonsten aber ungepflegt. Sie saßen zusammengesunken auf den Bänken, anscheinend wartend, und regten sich nicht. B. fielen die herzförmigen Schnitzereien in den Bänken auf. Wie unpassend zu dieser trostlosen Atmosphäre.

Eine Bewegung auf der rechten Seite des Ganges erregte seine Aufmerksamkeit. Ein weiterer, eher jünger und gepflegter erscheinender Mann versuchte, ein überfülltes Regal zu verschieben. Dabei fielen einzelne beschriftete Papiere herunter. Das war kein Wunder, denn die Pakete, Ordner und Blätterbündel stapelten sich bis ganz oben. Es war beinahe verwunderlich, dass die Regalbretter das Gewicht überhaupt noch trugen.

Erst jetzt nahm B. das stetige Tropfen war und suchte nach der Ursache. Als er aufschaute, war er überrascht von der Sicht auf Wäscheleinen, auf denen einige nasse Kleidungsstücke hingen. Ausschließlich Jacken, wie ihm auffiel. Von diesen musste wohl auch der muffige, schwere Geruch stammen. B. rümpfte die Nase und atmete tief ein, um möglichst viel Luft zu bekommen. Er ging ein paar weitere Schritte den Gang entlang. Die Aufmerksamkeit aller anderen Personen richtete sich auf ihn und er straffte den Rücken. Das hier sollte hoffentlich nicht allzu lange dauern, umso schneller konnte B. wieder nach draußen an die frische Luft gelangen, weg von diesen traurigen Gestalten.

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